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News » Newsletter-Archiv » 2000 » Die GreenCard-Debatte in Deutschland
RISKANTES WARTESPIEL FÜR AUSLÄNDISCHE IT-SPEZIALISTEN UND ANDERE H-1B ARBEITNEHMER
Seit einiger Zeit wird in Deutschland nur noch über die „GreenCard für Inder“ gesprochen. Mit der US-GreenCard hat diese Aufenthaltsberechtigung gar nichts zu tun. Diese deutsche GreenCard entspricht jedoch ziemlich genau dem hier bereits verschiedentlich besprochenem H-1B Visum, dem beliebtesten Arbeitsvisum für die USA. Auch wenn es in diesem Punkt wieder „nur" um IT-Jobs geht – das H-1B Visum steht anders als die deutsche GreenCard allen Berufsgruppen, die eine akademische Ausbildung benötigen, zur Verfügung.
Die gängige Praxis in Silicon Valley ist in gewisser Weise nur eine abgewandelte Form eines alten Spiels. In den guten alten Kolonialzeiten mussten sich rund drei Viertel der Neusiedler auf mehrere Jahre bei Plantagenbesitzern verdingen, weil diese ihnen die für sie viel zu teure Überfahrt bezahlten. Zwar wurde die Praxis, sich auf diese Weise billige Arbeitskräfte zu organisieren im Jahre 1885 für ungesetzlich erklärt, doch im schattigen Brackwasser der amerikanischen Wirtschaft nahm sie neue Formen an. Jeder weiß von den illegal auf Containerschiffen ins Land geschmuggelten chinesischen Arbeitern, die dann in irgendwelchen Hinterstübchen von Süßigkeitenshops Textilien nähen oder Tische in Chinatown bedienen.
Im heutigen Silicon Valley arbeiten Tausende Arbeiter, die im Besitz eines drei Jahre geltenden H-1B Visums (vergleichbar der deutschen GreenCard) sind. Sie schreiben Computercodes, forschen in der Biotechnologie, entwickeln Marketingstrategien und warten sehnsüchtig auf den Tag, an dem auch sie endlich ein großes Stück von dem Kuchen abbekommen, der bereits so viele vor ihnen satt, sprich reich, gemacht hat. Die Möglichkeiten sind da und auf den ersten Blick haben die ausländischen Kräfte, gerade im High-Tech-Bereich, wenig Grund zur Klage, verdienen sie doch mehr als der normale Durchschnittsamerikaner und mehr als die Mehrheit der zurückgelassenen Landsleute jemals in ihrem ganzen Leben zu Gesicht bekommen werden. Ihr Schicksal lässt sich also bestimmt nicht mit den illegal eingeschmuggelten Chinesen oder gar den thailändischen Textilarbeitern von Los Angeles vergleichen, die hinter Stacheldrahtzäunen „gehalten“ werden.
Kürzlich, bei einem indischen Essen im Silicon Valley lachten sechs frisch aus Indien eingetroffene Computerspezialisten über die Idee, das Arbeiter wie Sie selbst als Opfer oder Zwangsarbeiter angesehen werden könnten. Das Durchschnittsalter am Tisch war 26, nur einer von Ihnen war verheiratet. Sie alle hatten einen Abschluss von einem Technologie-College, arbeiteten 2 Jahre in Indien und antworteten auf eine Anzeige für Computer Consultants. Beim ersten Interview bekamen Sie einen Skills Test. Als dieser bestanden war, hatten Sie zwei Telefoninterviews, zuerst mit einem Inder, dann mit einem Amerikaner, um Ihr Englisch zu testen. Doch die Verbindung war so schlecht, dass es eh nicht darauf ankam, ob sie gutes Englisch sprachen. Der grösste Teil der Gesprächs war ohnehin nicht verständlich … Aber Sie beherrschten die gängigen Progammiersprachen, also wurden Ihnen Flugtickets zugeschickt.
Diese sechs haben allerdings nicht vor, länger als für die normale Dauer ihres Visums in den USA zu blieben, in 3 Jahren geht es also zurück nach Indien. Bei vielen der ausländischen Kräfte hängen jedoch auch private und berufliche Zukunft am seidenen Faden eines Systems, das ihnen zunächst Amerikas unendliche Möglichkeiten verspricht, sie dann etliche Jahre warten lässt, nur um letztendlich die Mehrheit von ihnen wieder in ihre Heimatländer zurückzuschicken. Es gibt zu viele „Andere“, denen genau dasselbe versprochen wurde, doch die Aufnahmemöglichkeiten sind begrenzt.
Schwieriger wird es nämlich, wenn irgendwann ein Daueraufenthaltsrecht angestrebt wird.
Nehmen wir da z. B. die Singhs, ein indisches Paar, das für Intel arbeitet. Ihre GreenCards (die „echten“ amerikanischen, also unbegrenzt gültigen) wurden ihnen schon vor einem Jahr versprochen. Aber ihre Bewerbung wurde erst einmal auf Eis gelegt, als eine von 1.045.000 GreenCard-Bewerbungen, die in einem riesengroßen Berg unerledigter Bewerbungen beim Immigration und Naturalization Service (INS) liegt und darauf wartet, bearbeitet zu werden. Doch das H-1B Visum von Herrn Singh läuft in drei Monaten aus. Die Singhs hätten gern ein Baby, doch Herr Singh meint, sie sollten lieber warten, da sie vielleicht nicht mehr lange in den USA sind. Angesichts dieser Unsicherheit zögern sie, selbst die einfachsten Dinge zu planen. Wozu Rosensträucher kaufen, wenn man nicht weiß, ob man die Blüten aufbrechen sieht?
Das Kernproblem ist jedoch nicht das H-1B Visum, das für drei Jahre gewährt wird und nur für drei weitere Jahre erneuerbar ist. Arbeiter können, während sie dieses Visum haben, Anstellungen und Firmen wechseln, sofern und sooft sie wollen, d. h. wenn ihr neuer Arbeitgeber den Wechsel sponsort. (Ein Transfer dauert für gewöhnlich nur vier Monate). Die eigentlichen Probleme beginnen, wenn sich ein Arbeiter für eine GreenCard bewirbt, was mehr als die Hälfte der H-1B-Halter tun. Laut Bundesgesetzgebung müssen GreenCard-Bewerber während des gesamten Bewerbungsprozesses in ein und demselben Job in ein und derselben Firma bleiben. Falls Arbeiter in dieser Zeit ihren Job wechseln, riskieren sie, dass das der Bewerbungsprozess wieder von neuem beginnt, ja sogar, dass sie, gleich ungeduldigen Kindern, wieder ans hintere Ende der langen Wartechlange müssen. Dadurch verbauen sich viele Arbeitnehmer die Möglichkeit, innerhalb der 3 Jahre einen anderen lukrativeren Job anzunehmen. Sie würden ja die anrechenbare Wartezeit auf Ihre GreenCard verlieren. Die durchschnittliche Wartezeit für eine GreenCard beträgt laut INS 33 Monate. Inhaber eines H-1B Visums warten mitunter noch länger. Über 40 Prozent der GreenCard-Bewerber sind Inhaber eines H-1B Visums, doch weniger als 20 Prozent der GreenCards, die jedes Jahr vergeben werden, gehen an diese Gruppe. Und, falls das H-1B Visum eines Arbeiters ausläuft, bevor er seine GreenCard erhält, muß er die USA für mindestens ein Jahr verlassen, bevor er zurückkehren und es erneut versuchen kann (!).
Dem INS zufolge sind 420,000 der in den USA lebenden Menschen Inhaber eines H-1B Visums. Bis zum Jahre 2002 erwartet man eine Steigerung dieser Zahl auf 710,000. Dieses Visum wird Spezialisten gewährt – insbesondere Computerprogrammierern, Wissenschaftlern und Akademikern – für deren Kenntnisse und Fähigkeiten in den USA ein starker Bedarf besteht. Laut der Information Technology Association of America berichteten US-Firmen, dass sie in den nächsten 12 Monaten 1,6 Millionen Arbeiter im IT-Bereich einstellen wollen. Im günstigsten Fall wird gerade mal die Hälfte der Stellen besetzt, weil es nicht genügend qualifizierte Kandidaten gibt. Die Arbeitslosenrate für High Tech-Personal lag laut U.S. Department of Labour im März diesen Jahres bei 2,1 Prozent. Arbeiter aus dem Ausland anzuwerben, scheint der einzige Weg zu sein, um den hohen Bedarf zu decken.
Einige wenige Firmen wie Intel stellen ausländische Kräfte dauerhaft ein (1999 rund 300 Kräfte mit einem H-1B Visum). Es ist Firmenpolitik, Leute anzuwerben, die bereits mit einem Studentenvisum in den USA sind, und dieses dann in ein H-1B Visum umzuwandeln. Intel ermutigt diese Angestellte dann , sich für einen Daueraufenthalt, sprich eine GreenCard, zu bewerben. Ziel ist es, sie dann langfristig einzustellen. Zumeist kommen sie über graduate programs der besten amerikanischen Universitäten zu Intel.
Doch bei der überwiegenden Mehrheit der Firmen ist es gang und gebe, den regen Arbeitnehmeraustausch stillschweigend zu akzeptieren. Wenn die sechs Jahre der einen Gruppe abgelaufen sind, werden diese eben in ihr Heimatland zurückgeschickt und durch neue ersetzt. Die Firmen von Silicon Valley üben seit langem Druck auf die Politiker aus, die Zahl der H-1B Visa zu erhöhen (derzeit werden 115,000 pro Jahr gewährt). Der Kongress zieht momentan drei Gesetzesvorschläge in Betracht, durch welche die Quoten erhöht werden sollen. Doch keine der eingebrachten Gesetzesvorschläge berücksichtigt die Interessen der Arbeiter, die bereits jetzt im Land sind. Anfang März schrieb eine Gruppe von High-Tech-Spitzenkräften an den Kongress und machten deutlich, dass alle Gesetzesvorschläge, falls angenommen, die GreenCard-Misere noch verschlimmern würden. In dem Brief drängten sie den Kongress, GreenCards unter Vorbehalt zu gewähren statt einfach noch mehr temporäre Visa zu vergeben.
Es überrascht kaum, dass so viele Arbeiter, die in die USA kommen, auch bleiben wollen. Dies ist im Grunde ja die Geschichte Amerikas. Doch der Gesetzgeber sagt, dass Arbeiter, die mit einem H-1B Visum in die USA kommen, verstehen müssen, dass dies nicht gleichzeitig bedeuten kann, für immer in den Vereinigten Staaten bleiben zu können. Die Situation für ausländische Arbeitskräfte wird sich allenfalls verschlechtern. Über 50 Prozent der gegenwärtigen H-1B-Halter haben sich um eine GreenCard beworben. Da der Berg der unbearbeiten Anträge stetig wächst, können nur noch 15 Prozent damit rechnen, eine GreenCard zu erhalten. Der INS akzeptiert jedoch weiterhin alle neuen GreenCard-Bewerbungen. Da sich laut Bundesgesetzgebung und INS-Regelungen jeder bewerben kann, der die Qualifikationen erfüllt, müssen das INS alle eingereichten Bewerbungen berücksichtigen. Ein Teufelskreis …
Natürlich wollen nicht alle H-1B-Halter in den USA bleiben. Viele sehen die Zeit in den USA lediglich als Chance für eine bestimmte Zeit ein fremdes Land mit seinen Menschen zu erleben und kennen zulernen und, wie im Fall vom Silicon Valley ihren eigenen Anteil an der Goldquelle einzufordern.
Wenn sich nicht bald die US-Einwanderungsgesetze drastisch ändern, ist das auch so ziemlich alles, was ein ausländischer Arbeiter in Zukunft erwarten kann.
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