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IMMIGRANTENMEMORIAL- ELLIS ISLANDS

Hunderte von Menschen hocken eingepfercht in der dunklen Kajüte. Es riecht nach Schweiß und Urin. Schon seit Tagen riecht es nach Schweiß und Urin. Und nach Knoblauch. Knoblauch essen viele. Es soll vor Seekrankheit schützen. Trotzdem liegen bis zu zwei Dutzend Passagiere auf den harten Pritschen. Die Motoren des alten Frachters rattern dumpf und unentwegt. Hinzu kommt das leise Wimmern der Kinder, die sich fest an die Arme ihrer Eltern klammern. Diese Menschen wissen, daß sie in zwei Tagen in New York sind, und sie wissen, daß sie nicht mehr zurück möchten. Diese Reise aber ist eine Reise ins Ungewisse. Und jeder an Bord fragt sich: „Werden sie mich rein lassen?“ Die Anspannung steigt. Stunde für Stunde, Minute für Minute.

Wer mit der Metro von Manhattan nach Coney Island fährt und am Brighton Beach aussteigt, wird von kyrillischen Buchstaben empfangen. Die Läden sind russisch, die Restaurants mit viel Ostcharme kitschig bunt dekoriert, an den Kiosken gibt es ausschließlich russische Zeitungen und am Boardwalk im Café Volna oder im Café Moscow ißt man Piroggen und Borschtsch statt Pommes und Burger. Gleich nebenan verkauft ein Mann Musikkassetten, russische Volkslieder scheppern aus einer verkratzten Box. Das Leben hier scheint Lichtjahre von der Hektik des lauten Manhattans entfernt zu sein. Hier lachen die Möwen und die Wellen des Atlantiks stimmen an diesem sonnigen aber windigen Herbsttag ein eigenes Konzert an. Seit Louis Zucker in Rente gegangen ist – das war vor 33 Jahren – sitzt er Tag für Tag auf den hölzernen Paneelen am Boardwalk, liest die „New York Times“ oder blickt ganz einfach aufs Wasser. Er sagt, die Zeitung und das Meer verbänden ihn mit der Welt. Die geistige Reise, sagt er, ziehe er den Strapazen einer physischen Reise immer vor. Das bewahre Phantasie. Manchmal läuft er noch bis zum Vergnügungspark von Coney Island. Aber seit ein paar Jahren werden die Beine langsamer.

Das osteuropäisch anmutende Bild am Brighton Beach wird durch die Sozialbauten aus den 60er Jahren vollendet.. Woody Allens Stadtneurotiker Alvy Singer verbrachte hier seine Kindheit. In dem Film sieht man den jungen Alvy, der seine Suppe löffelt, während die Achterbahn über das Haus donnert. Zwischen Riesenrad und Autoscooter tummeln sich noch ein paar Kleinfamilien, doch ungeachtet der Nachsaison hat der Park sein Verfallsdatum längst überschritten. Die alte Achterbahn aus dem Jahre 1927 erinnert noch an die Glanzzeiten. Gras und Unkraut wuchern um die rostigen Stahlträger und das ausgebleichte Holz. Man hat sie stehenlassen, als Denkmal der Freizeitindustrie sozusagen. Ebenso wie den hochhaushohen Drahtpilz, dessen rote Farbe die Seeluft tüchtig angefressen hat. „Fallschirmspringer nutzten ihn als Übungsturm“, sagt Louis Zucker, „er wurde 1939 zur Weltausstellung gebaut.“ Auch „Nathan's“ ist eine Institution alter Tage: 1916 eröffneten Nathan und Ida Handwerker diesen Schnellimbiß und Catering Service. Ihr Hot Dog machte weltweit Karriere.

Die drei großen Freizeitparks Coney Islands entstanden um die Jahrhundertwende. Zunächst Steeplechase (1897), dann der Luna Park (1903) und ein Jahr später Dreamland, das mit Nachbauten historischer Gebäude wie den Ruinen von Pompeji erzieherische Aspekte in die Parkphilosophie aufnahm. Doch der „kultivierte“ Anspruch war zu hoch für sonnenhungrige Spaßvögel. Der irische Dramatiker Brendan Behan beschrieb Coney Island 1964 als eine „fürchterliche, fabulöse und extrem proletarische Institution…., wo Tausende über Tausende ordinäre“ Menschen aus der Metro steigen und sich ausschließlich an sich selbst erfreuen.“ Als Steeplechase 1965 als letzter der drei Parks seine Pforten schloß, ging die ruhmreiche Freizeitepoche Coney Islands zu Ende. Viele der Sommerbungalows wichen anschließend riesigen Sozialbauten. „

Die Menschen wurden damals nach Passagierlisten in Gruppen zusammengefaßt, jeder deponierte sein Gepäck am Eingang, um sich im ersten Stock einem Gesundheitstest zu unterziehen. Ärzte horchten die Lunge ab, warfen einen Blick auf Haut und Fingernägel und hoben mit einem flachen Gegenstand das obere Augenlid an. Im Hauptsaal, unter zwei großen amerikanischen Flaggen, folgte die Befragung. Bis zu 7000 Menschen wurden hier täglich abgefertigt. Wie im Stakkato schossen die Antworten durch den riesigen Raum: Ich bin Schreiner. Ich bin Teppichhändler. Mein Onkel wohnt in Los Angeles. Ich habe 30 Dollar dabei. Nein, das Ticket habe ich mir nicht selbst gekauft. – Den allgemeinen Fragen folgten Lese- und Schreibtests. Und schließlich entschied auch die politische Überzeugung über eine Staatsbürgerschaft.  Viel waren froh, wenn sie Elis Island wieder verlassen konnten. Zu jener Zeit gab es eine Gruppe, HIAS hieß sie, die kümmerten sich um sämtliche jüdische Einwanderer und brachten sie nach dem Prozedere nach Manhattan.

Ellis Island ist seit 1992 das weltweit bedeutendste Museum für Migration. Bis dahin hatte die Insel viele Namen und Besitzer, diente vielen verschiedenen Zwecken: 1757 als Haus für Pestkranke, 1765 wurden hier Piraten exekutiert, ab 1892 nutzte die US-Regierung sie als Immigrationsstation. Sie war auch Gefängnis und Krankenhaus. Das schloßartige Hauptgebäude aus rotem Ziegel und weißem Sandstein wird von vier Türmen mit pagodenförmigen Kuppeln flankiert. Insel der Tränen oder Insel der gebrochenen Herzen, nannten sie die Einwanderer. Zwei Prozent der insgesamt mehr als zwölf Millionen Menschen, die zwischen 1892 und 1924 auf Ellis Island ankamen, wurden wieder zurückgeschickt. Manchmal mußten Eltern wieder umkehren, weil sie mit todkranken Kindern ankamen. Die Panik setzte bei einigen schon ein, wenn ihre Sprößlinge mit rot unterlaufenen Augen vor der Eingangstür standen. Auf den alten Fotos von Lewis Hines, die in den Räumen von Ellis Island ausgestellt sind, schauen die Kinder recht ernst in die Kamera. So, als hätte man ihnen lebenslänglichen Stubenarrest aufgebrummt. Viele waren enttäuscht. „Ich kam“, schrieb ein junger Italiener nach Hause, „weil ich gehört hatte, hier seien die Straßen mit Gold gepflastert. Erstens sind sie nicht mit Gold gepflastert. Zweitens sind sie überhaupt nicht gepflastert. Drittens erwartet man von mir, daß ich sie pflastere.“

Die Erfahrungen der Neuankömmlinge bis hin zu ihren Mietshäusern der Lower East Side werden auch bildlich dokumentiert. Oder auf Plakaten, auf denen beispielsweise das Berliner Reichs-Wanderungsamt in der Wilhelmstraße 71 zu sehen ist – es bot kostenlos schriftliche und mündliche Auskünfte an. Zwei Millionen Deutsche siedelten zwischen 1860 und 1885 nach Amerika über, eine weitere Million zwischen 1890 und 1915, eine Million war bereits zwischen 1830 und 1855 eingereist. Einer der berühmtesten Deutschen war der Hamburger, dessen Rezept Norddeutsche um 1850 mitbrachten. Fast die Hälfte der amerikanischen Bevölkerung führt heute ihre Abstammung auf die Menschen von Ellis Island zurück. „Wall of Honor“ heißt eine 30 Meter hohe Mauer mit einer Messingtafel, auf der 420 000 berühmte Immigranten alphabetisch aufgelistet sind. Albert Einstein, Marlene Dietrich und Barbara Streisand gehören dazu.

Ellis Island ist so etwas wie die zeitlose Erinnerung an Courage und Energie, die Menschen aufbrachten, Träume zu verwirklichen. Aber nicht nur Träume, Hoffnungen und Illusionen füllten ihr Gepäck. Vor allem brachten sie kulturelles Kapital ins Land. Geflochtene Koffer, lederne Handschuhe, eine hölzerne Hutschachtel oder eine schottische Teekanne gehören zum verlorenen Gepäck, das auf Ellis Island ausgestellt ist. Hunderte Gegenstände von Hunderten von Menschen. Hunderte Geschichten, Schicksale und Karrieren.

-LITERATUR : „Brooklyn, An illustrated History“, Herausgeberin Ellen M. Snyder-Grenier, Temple University Press, Philadelphia 1996, 292 Seiten.
„Ellis Island, Echoes from a nation's past“, Herausgeberin Susan Jonas, Aperture Foundation, 1989, 149 Seiten, 39,95 Dollar.

-MUSEUM ELLIS ISLAND : Die Circle-Line-Statue von Liberty Ferry startet vom Battery Park im Süden Manhattens täglich zwischen 9 und 17 Uhr. Das Ticket kostet sieben Dollar. Informationen unter: 269 5755.

INTERNET: Wenn Sie nach Ihren Vorfahren Ausschau halten und wissen wollen, wo sie sich niedergelassen haben, über das Web leicht rauszufinden, Vor- und Zuname eingeben und schon öffnen sich die Archive der Behörden . Näheres hierzu unter www.ellisislandsrecord.org

 

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